Group de parole de filles, Marseille (2006)

„Mein Quartier ist mein kleines Haus in der Prärie...“

Der „Triangel“ ist ein kleines Dreieck, eine Art von großer Mauernische, gegenüber dem „Centre Social“, dem sozialen Zentrum in der kleinen Stadt Pierrelatte nahe Marseille. „Le triangel. Das ist der Platz, wohin wir gehen, wenn es Nacht wird. Alle Welt ist draußen“, erzählt ein Mädchen der „Groupe de Parole de filles“, „Nachdem meine Mutter draußen ist, darf ich das auch. Triangel ist der Platz, an dem sich die Gruppen von Mädchen treffen. Sie diskutieren, sie kritisieren sich, sie lachen. Am Anfang gehörte der Platz uns, aber jetzt kommen die Jungs. Wenn es da Jungen gibt, gehen wir nicht hin. Aber wenn sie nicht kommen, sind wir da.“

Die Lehrerin Cecile Moulain führt seit 2003 eine Gruppe, die sich „Groupe de Parole de filles“ nennt und sich regelmäßig in der Bibliothek der Schule trifft. 15 Mädchen großteils maghrebinischer Herkunft und um die 14, 15, 16 Jahre alt, kamen in die erste Gruppe. Cecile Moulain gab mit finanzieller Unterstützung des „Department de La Drome“ mehrere Broschüren heraus. Ursprünglich eine Redegruppe zu Themen wie Liebe, Beziehung oder Ehe, entwickelte sich bald eine Fülle an raumgreifenden Projekten.

„Simplement libre“ („Einfach nur frei“) heißt eine Broschüre der Mädchen: „Manchmal passiert es mir, dass ich mich in dem verdammten Quartier beschützt fühle. Ich fühle mich wie bei mir zu Hause,...obwohl man den Hass und die Wut spürt, die hier schon zu lange eingeschlossen sind. Trotz allem werde ich mein Quartier nie verlassen. Es ist mein kleines Haus in der Prärie!“

In den veröffentlichten Texten der Mädchen geht es viel um Rückzugsbereiche in eigens angelegten Gärten, als Fluchtplätze vor den jungen Männern, älteren Brüdern und Müttern.

Eines schönen Tages brechen vier Mädchen auf, um gemeinsam ihre „geheimen Ecken“ zu besuchen, obwohl sie „schon zu groß sind, um eine geheime Ecke zu besitzen“: „Es gab viele Emotionen in uns, aber wir zeigten sie nicht. Unsere Augen leuchteten. Ich glaube, dass jeder Mensch einen geheimen Platz hat, ob in seinem Herzen oder an einem äußeren Platz.“ Die Mädchen bauten ihre eigenen Gärten in den Betriebs-Schrebergärten ihrer Väter, die im nahe gelegenen Atomkraftwerk arbeiten. „In meinem Garten habe ich den Eindruck, auf einer Wolke zu schweben“, schreibt ein Mädchen.

Karima und Assema zeigen den BesucherInnen aus Wien den Ort Pierrelatte mit seinen grünen Alleen und gelben, meist nur dreistöckigen Sozialbauten. Mit gesenkten Köpfen gehen sie an verschiedenen Jungengruppen in allen Größen und Altersstufen vorbei, die betont lässig herum hängen. Die massive Präsenz ist deutlich spürbar. Die zwei Mädchen beeilen sich den Eingang des sozialen Zentrums zu erreichen. Hier hat Emma seit drei Wochen einen Saal angemietet, damit sich die Mädchen am Freitagnachmittag nach dem Ende der Schulwoche treffen können. Zutritt nur für Mädchen. Das Gelächter hört man bis vor die Tür.

Broschüren der „groupe de Parole de filles“:

„Voir l’invisible. Prendre la Parole“ („Das Unsichtbare sehen. Das Wort ergreifen“), MC Creation, Mai 2004, „Simplement libre“ („Einfach nur frei“), MC Creation, Mai 2005, „Aimer, demain“ („Lieben, morgen“), MC Creation, Mai 2006